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19.10.2017 - 03:51
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Bau von Turm- und Wehrkirchen, wüstfallen von Ortschaften
Wehrkirche Bühren
Turm- und Wehrkirchen

Wissenswerte für die Rodungsperioden und somit die Urbarmachung für die Ortschaften ist auch die Beschaffenheit des germanischen Urwaldes, der dem heutigen Gesamtwald nicht ähnlich ist. Es herrscht ein lichter Urwald aus Eichen, Linden, Eschen und hauptsächlich Buchen vor.
Fichten und Tannen gab es nur in den alpinen Höhenlagen.
Das Thema wird aber noch extra Behandelt. - Siehe dazu -
Gertrud Witt

Mehrere Dissertation beschäftigen sich mit der Besiedlung unseres heimischen Raums, den Bau von Wehrkirchen und das Verlassen - wüstfallen - von Ortschaften

Dr. Ulfrid Müller / Hannover beschäftigte sich in seiner Doktorarbeit von 1965 eingehend mit diesem Bautyp der Kirchen, sowie mit der Wüstfallung von Ortschaften im Mittelalter.

Auch Professor Dr. Stephan hat in seinem Buch - Der Solling im Mittelalter - diese beiden Themen aufgenommen.

Dr. Erhard Kühlhorn wiederum brachte mehrere Dissertation und auch historisch landeskundliche Exkursionskarten zu diesem Thema heraus.

Die mir bislang umfangreichste Doktorarbeit liegt mir von Dr. Ulfried Müller vor.

Dr. Ulfried Müller schrieb folgendes zu diesen beiden Themen:
Das Land zwischen Weser und Leine wird geprägt durch die weitgespannten Bergplatten des Sollings und des Bramwaldes, des Iths, Hils und des Voglers mit ihren vielen engen Einschnitten.
Die mittelalterlichen, mehrgeschossigen Kapellen befinden sich im im südlichen Niedersachsen, dem vielgestaltigen Bergland zwischen Weser und Leine.
Sie sind durch ihre turmartigen Bauweise eine Kombination von Kapelle, Wehrbau und Lagerhaus.
Die unruhigen Zeiten des Mittelalters und die Struktur der Landschaft förderten die Entwicklung der Bauweise.

Am schlimmsten wirken sich folgende Fehden im Bergland zwischen Weser und Leine aus.

  1. Die Northeim - Plessische Fehde, Anfang des 12. Jahrhunderts
  2. Der Lüneburger Erbfolgekrieg 1371 - 1388
  3. Die Hildesheimer Stiftsfehde 1519 - 1523

Die Bevölkerung der vielen Siedlungen benötigte gegen Feinde und als Speicher für das wertvolle Gut gegen Raub und Brand ein Gebäude.

Als die Christianisierung mit den Sachsenkriege durch Karl des Großen (772 – 804 n. Chr.) beginnt, ist die erste Rodungsperiode unserer Urwälder (500 - 800 nach Christus) am Abklingen.

Das mit 3 - 5 Menschen auf den Quadratkilometer nur dünn besiedelte Land ist daher meist noch mit Moor, Wald oder Ödland bedeckt.

Die wenigen bäuerlichen Siedlungen liegen als Höfetrupps oder Weiler in den schon erschlossenen Tälern.

In diesen Ansiedlungen werden die ersten primitiven Kapellen errichtet.

Stärkeres Anwachsen der Bevölkerung zwingt die Menschen in einer zweiten Rodungsperiode zwischen 1100 bis 1300 n. Christus weitere Wald- und Moorgebiete zu erschließen.

Sie gründen hier viele Ansiedlungen, die für ihre Zeit kennzeichnend in ihren Namen mit - hausen oder -sen enden.

Wiederum sind es nur wenige Höfe, die sich unter Führung eines Edelings oder Freien um den Dorfplatz mit dem Tie - Gerichtsplatz und der Kapelle gruppieren.

Der Rückgang und damit die Aufgabe schon mancher Siedlungen setzen kurz darauf ein.

Die in der dieser Periode in unwirtlichen Gegenden entstandenen Ansiedlungen können sich des schlechten Bodens wegen nicht halten und werden aufgegeben.

Sie gehen meist in den größeren Nachbarsiedlungen auf, die Anzahl der Höfe verdoppelt sich in diesen Ansiedlungen.

In der Zeit von 1300 - 1600 fallen bis zu 40% aller Siedlungen wieder wüst.

Im Gegensatz zu Norddeutschland und Westfalen ist diese Entwicklung im Bergland zwischen Weser und Leine nicht so stark.
Die erwähnte starke Zergliederung der Landschaft hat das Wüstwerden hauptsächlich im Umland der vier Städte im Leinetal voll wirksam werden lassen.

In größerer Zahl werden sonst nur die tief im Solling liegenden Siedlungen preisgegeben.

Aus dieser Tatsache ergibt sich, dass sich viele mittelalterliche Ortsanlagen erhalten haben.

Nahezu jedes dieser Kleindörfer hat seine eigene Kapelle oder Kirche und ist mit mehreren benachbarten zu einem Kirchspiel zusammengeschlossen.

In einigen dieser bäuerlichen Ortschaften, die oft heute noch keine 200 Einwohner haben, fallen diese Kapellen als besonders massige Bauten auf.

Hier stehen die mehrgeschossigen Kapellenbauten, die im Laufe der Jahrhunderte vielfach umgebaut, erweitert und manchmal nahezu ihres früheren Zustand entstellt worden sind.

Diese Mehrzweckkapellen wurden ihrer Aufgabe somit glänzend gerecht, obwohl sie mit kleinen Ausmaßen und mit sparsamsten Mitteln errichtet wurden.

Im Mittelalter mussten sämtliche Steinbauten außer Kirchen und Kapelle von den Landesherren genehmigt werden.

Daher sind andere Steinspeicher für die wertvollen Kornfrüchte als Gemeinschaftsanlage erst später errichtet.

Äußerst wichtig für die Baugestaltung der mittelalterlichen mehrgeschossigen Kapellen ist die Möglichkeit, diese Bauten als Verteidigungsanlagen mit zu benutzen.

Da immerhin die kleinsten Ansiedlungen am meisten unter Überfällen zu leiden hatten, werden hier von den Adeligen, den freien Bauern und der Geistlichkeit feste Steinhäuser auf ihren Höfen errichtet.

Den einfachen Bauern dagegen wurde nur in den wenigsten Fallen gestattet, eigene Steinbauten aufzuführen.

So mussten ihnen daher immer die Kirchtürme oder auch der ganze Kirchhof als gemeinschaftlicher Zufluchts- und Verteidigungsraum dienen.

Es ist nicht zu vermuten, dass diese Türme und Ringmauern mit allen wehrtechnischen Mitteln befestigt wurden, denn dazu fehlten sowohl die Geldmittel, als auch zur Verteidigung notwendigen Menschen.

Die in Nord- und Nordwestdeutschland vorkommenden Burgtürme, Steinwerk, Bergfriede und befestigte Speicher boten wegen ihrer geringen Größe und der kleinen Anzahl Verteidiger auf den Weilern und Einzelhöfen nur Schutz gegen Räuberbanden und plündernden Kriegshorden.

Sie konnten in allen Fällen bloß vorübergehend Schutz bieten, eine strategische Lage in größeren Kriegen kam ihnen kaum zu.

Aus diesen Gründen waren ihre Verteidigungsanlagen nur sehr primitiv ausgebildet.

Die schmalen Wassergräben, die kleinen Erdwälle oder nur mannshohen Mauern konnten einem gezielten Angriff nicht lange standhalten.
Auch die von der Natur gegebenen Schutzmöglichkeiten, wie steile Berghügel, sumpfige Niederungen und aufgestaute Wasserläufe, konnten nicht mehr Schutz bieten.

Die zu ebener Erde eingebauten Türen wurden nur mit festen Balken von innen verschlossen.
Pechnasen und Gusserker fehlten.

Wehrgänge, bei denen es die Möglichkeit zwischen Steinmauer und Fachwerkwand Steine hinabzuwerfen, bestanden nur bei wenigen Bauwerken.

In den meisten Fällen boten daher nur die in den verschiedenen Geschossen eingefügten Scharten und Luken einen bedingt wirksamen Verteidigungsschutz.

Ein wehrgangartiges Fachwerkobergeschoss, dass eine bessere Verteidigung möglich gemacht hätte, kann nur in der viergeschossige Kapelle in Gierswalde beobachtet werden.

Alle mehrgeschossigen Kapellen können nur als Zufluchtsort bezeichnet werden.

Da die Türen des Erdgeschosses zum Kapellenraum durch Vorlegebalken fest zu verrammeln und die Zugänge zu den Obergeschossen nur durch hohe aufzuziehende Leitern erreicht waren, konnten sich die Dorfbewohner durch eine Flucht dahin einem schnellen Zugriff der Angreifer entziehen.

Einer längeren Belagerung vermochten die in der Kapelle Schutzsuchende nicht widerstehen, weil ihnen außer der wertvollen habe, ansehnliche Vorräte fehlten.

Eine Rettung des Viehs war aus Mangel an Platz nicht durchführbar.

Da die Gotteshäuser im Mittelalter auch als Refugium dienten, wurden sie zumindest im frühen Mittelalter von den Angreifern geachtet und gefürchtet.

In diesem Sinne sind die mehrgeschossigen Kapellen doppelt wirksam gewesen, da sich die Feinde wohl scheuten, durch den Kirchenraum die Bewohner anzugreifen und zu vernichten.

Wüstfallen von Ortschaften
Wüstung Friwohle
Professor Dr. Hans-Georg Stephan schreibt zur Wüstfallung von Ortschaften folgendes:

In der wichtigsten Ausbauphase der Siedlungs- und Kulturlandschaft im Solling entstanden Orte mit der Endung – Hagen, sowie seltener mit sekundär zu Ortsnamen umwandelten Flurnamen, wie Bach oder Born, vereinzelt auch Feld.

Hinweis:
Hagendörfer wurden auf Plätzen gegründet, die durch die Natur, sei es Wasser oder ein Berghügel, einigen zusätzlichen Schutz bieten konnten.
– Siehe U. Müller Seite 61 -

Die älteste Hagensiedlung in der weiten Region ist Martinhagen bei Zierenberg, im Landkreis Kassel, erwähnt im Jahre 1093 als neu gegründeter Ort - - Meribodohago.

In den Jahren 1100 – 1130 n. Chr. setze der Bischof von Hildesheim Siedler nördlich des Solling bei Stadtoldendorf und Eschershausen an, denen er besondere Hägerrechte gewährte.

Ulrichshagen, Bruchhof, Quathagen.

Beliebt waren werbende Namen wie Freienhagen, Stolzenhagen, Schönhagen, Blankenhagen.

Aber auch wenig glückverheißende Namen wie Quathagen, Dorrenhagen/ Dornhagen, was soviel wie dürrer, trockener Hagen bedeutet.

Auch Namen die auf vornehme Landesherren und Grundeigentümer hinweisen kommen häufiger vor, so Fürstenhagen und Fürstenau, Vietshagen (für den heiligen Vitus), den Schutzpatron der Reichsabtei Corvey.
Der Begriff Hagen umschrieb einen umhegten, unter besonderen Friedensschutz stehenden Ort.

Südlich des Rehbachtals zwischen Adelebsen, Verliehausen, bzw. Schonigen dürften Lichtenborn, Wosebeck und Vredewolt, Nieder- und Obern Bremke, sowie Dorrenhagen und Reinhardshagen, weiterhin nicht zuletzt der in der ersten Hälfte des 13ten Jahrhunderts, entstandene Burgflecken Adelebsen für eine starke Ausdehnung der Kulturlandschaft gesorgt haben.

Allerdings ist es sehr wohl möglich, dass etliche Höfe im Umfeld von Adelebsen ungewöhnlich zahlreichen Wüstungen bald nach der Etablierung des neuen Herrschaftszentrum der Herren von Adelebsen in den neuen Markt planmäßig verlegt wurden und auch, dass Bewohner von dort mit Erlaubnis oder gegen den Willen ihrer Grundherren abzogen.
Anders als so, wäre ein neu gegründeter Ort von nur lokalen Einzugsbereich und geringer Bedeutung kaum zu bevölkern und aufzubauen gewesen.

Auffallend weiträumig verteilen sich die Siedlungsfunde des 13-15ten Jahrhunderts in dem mutmaßlich bei Offensen und Behrensen im Schwülmetal aus erschlossenem Tal der Bredenbeke (heutige Bremke).

Sie streuen, allerdings mit kleiner Lücke von einigen hundert Metern, und einer größeren Lücke von vielleicht einem Kilometer, über ungefähr 3 Kilometer Länge in dem vergleichsweise engen Talzug der Bremke.

Im Süden lagen in wohl lockerer Streuung einige Höfe an einem Wegkreuz mit einem rechteckigen Turm am Beginn der Steigung mit einem Hohlwegbündel.

In nicht allzu großer Entfernung folgte talaufwärts der mutmaßliche größte und wichtigste Siedlungsteil mit einer Kirche, Obern - Bremke.

Nicht allzu weit entfernt fanden sich im Bereich einer Glashütte der ersten Hälfte des 13ten Jahrhunderts einige Fragmente von Kugeltopfware älterer Machart.

Demnach reichen die Anfänge der Besiedlung im Tal der Bremke in die Zeit vor 1150, möglicherweise 9/10te Jahrhundert zurück.

In größerem Abstand dazu lagen, an einer Quellmulde im oberen Talschluß wohl einige weitere Höfe – Hohen Bremke – .

Trotz der Lücken in den Fundstreuungen und der mutmaßlich nicht ganz so regelmäßigen Gesamtlage, erinnert diese Ausbausiedlung stark an Hagen- und Waldhufendörfern der Ostsiedlung.

Auch die Tendenz zur Errichtung von Gotteshäusern in fast allen größeren und vielen mittleren und kleineren Orten stimmt damit überein.

Die vier benachbarten Dörfer Reinhardshagen, Offensen, Behrensen und Niedern – Bremke verfügten im 13.ten Jahrhundert offenbar alle über eine Kirche, ein gravierender Unterschied zu der Zeit vor 1100-1150 nach Christus.

Wüstungskarte - nach König 2009
Wüstungskarte - nach König 2009
Turmkirche Klein Wiershausen
Ursprüngliche Bauart der Turm- und Wehrkirchen

So wie diese Kirche in Klein - Wiershausen werden die Wehr- und Turmkirchen von der ersten Bauart gestaltet gewesen sein.
An dieser Kirche wurden auf jeden Fall größere Fenster eingesetzt und das Dach erneuert, sonst aber ist die ursprüngliche Bausubstanz erhalten geblieben.

Quellenangabe:

Eine Auflistung der Dissertationen (Veröffentlichungen) und Quellen.
Siehe auch rechte Navigation

  • Prof. Dr. Hans-Georg Stephan - Der Solling im Mittelalter - Göttinger Jahrbuch 1996
  • Dr. Erhard Kühlhorn - Von Land und Leuten, zwischen Harz und Weser
  • Dr. Ulfried Müller - Doktorarbeit -
    Mehrgeschossige mittelalterliche Kapellen im Bergland zwischen Weser und Leine -