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28.07.2017 - 21:07
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Friwohler Kirche - Aufzeichnung Helmut Rang - Leseprobe Sollinger Heimatblatt 03 / 2008
Geodaten
Friwohler Kirche

Nähe der Schwülmequellen - Hettensen.

N 51°37.336´
E 009°45.167´
Höhe 286 m ü. NN

Lage

Es wird möglicherweise manchen Leser überraschen zu erfahren, dass in unserer Region mehr als die Hälfte aller einmal existierenden Orte im Verlauf des späten Mittelalters aus mehr oder weniger ähnlichen Gründen wieder aufgegeben und verlassen wurden. Auch für die Entwicklung des Sollingraumes ist das Schicksal der wüstgefallenen Orte ein erinnerungswürdiger Vorgang. Die bisher bekannten Daten der Gründung und des Niedergangs der ehemaligen Ortschaft Friwohle (Vredewolt) sind ein Beispiel für diesen Abschnitt der Siedlungsgeschichte.

Die meisten dieser Wüstungen sind heute nur noch durch Flur- und Ortsbezeichnungen, Häufung von mittelalterlichen Keramikscherben, fossilen Ackerspuren (beispielsweise Wölbäcker) u. a. Oberflächenfunde bekannt und lokalisierbar. Im Solling sind von den wüsten Ortschaften Malliehagen, Winnefeld, Friwohle, Reynshagen (Reynhardeshagen bei Adelebsen) und Schmeessen immerhin noch beachtliche Ruinenreste der jeweiligen Kirche erhalten.

Die Ortswüstung Friwohle liegt im Wald der Revierförsterei Goseplack, nahe bei Hettensen, im Quellgebiet der Schwülme. Licht in die Vergangenheit von Friwohle haben vor allem eine Untersuchung von Dieter Kirchner (s. Göttinger Jahrbuch 1978, S 67 bis 91) sowie weitere Einzelauswertungen gebracht.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Dorf 1318 als „villam vredewolt"; der Ort dürfte aber bereits ca. 100 Jahre früher gegründet worden sein. Darauf weisen verschiedene Aspekte hin: - Die meisten der vor Ort gefundenen Tonscherben gehören zu der blaugrauen unglasierten Keramik, die hier erstmals im 12. Jahrhundert auftauchte und im 13. Jahrhundert vorherrschend war.
-Die Schlagspuren an den Kantensteinen der Kirche zeigen eine Bearbeitungstechnik, wie sie zwischen 1200 und 1250 gebräuchlich war (mdl. Hinweis des Archäolgen Thomas Moritz, Göttingen)
- Die Namensendung ,-wolt" (= Wald) führten vorwiegend Ortschaften, die im 9. bis 13. Jh. gegründet wurden. Es ist gleichzeitig ein Hinweis darauf, dass die Bevölkerung damals aufgrund der mittelalterlichen Siedlungspolitik stark anstieg und deswegen selbst in entlegenen und eher unfruchtbaren Waldgebieten neue Siedlungen entstanden.
-Die dendrochronologische Altersanalyse von zwei starken Eichenstämmen, mit denen die sumpfige Stelle einer Dorfstraße befestigt worden war, ergab die Fällungsdaten von 1255 bzw. 1262 (Untersuchung von Dr. H. H. Leuschner, Göttingen).

Eckdaten
Friwohler Kirche

Nach Auswertung dieser Eckdaten kann man annehmen, dass Friwohle in der Zeit um 1200 entstanden ist.

Der Name des Dorfes ist in der Vergangenheit in verschiedenen Archivalien unterschiedlich angegeben worden. Dabei ist die ursprüngliche Bedeutung i. S. von „Waldfrieden" zeitweise verfälscht worden: Die bekannten Erwähnungen sind: Vredewolt (1318), Freyenwolde (1586), Fredewold (1603), Friedewaldt (1714), Im Freiwalde (1784) und Frusöle (1842). Die heutige Schreibweise „Friwo(h)le" (mit und ohne ,h') entspricht dem ursprünglichen Namen „Vredewolt" in der heute gebräuchlichen niederdeutschen Form.

Rekonstruktion des Ortsgrundrisses
Bodenhandbohrer
Friwohler Kirche

Mit einer bisher wenig gebräuchlichen und gleichzeitig kulturbodenschonenden Methode hat D. Kirchner versucht, den Ortsgrundriss zu rekonstruieren: Mit einem Bodenhandbohrer hat er das vermutete Areal der Ortschaft durch Entnahme von Erdkernen (jeweils bis zu etwa 100 cm Tiefe) in regelmäßigen Abständen systematisch abgebohrt. Die Bodenproben wurden nach Relikten untersucht, die auf Gebäudestellen hinweisen. Zu diesen im Boden erhaltenen Relikten von i. d. R. durch Feuer zerstörten in Ständerbauweise errichteten Bauwerken gehören v. a. Holzkohle und sog. Hüttenlehm. Bei Entdeckung von Holzkohle- bzw. Hüttenlehmbröckchen in einem Erdkern konnte durch zusätzliche Bohrproben die jeweilige Gebäudestelle eingegrenzt werden. Die kartierten Ergebnisse deuten auf ein Dorf mit etwa 15 Hofstellen auf einer Fläche von rund 7 Hektar hin.
- Auf einer 2002 vor Ort aufgestellten Infotafel ist der rekonstruierte Ortsgrundriss dargestellt.

Kirche mit Kirchplatz und umgebendem Graben bilden das Zentrum der Siedlung. Bodenproben im Außenrand des Kirchplatzes haben ergeben, dass dieser ursprünglich mit einer mehr oder weniger geschlossenen Gebäudereihe umgrenzt war. Die Turmruine ist relativ gut erhalten. An der Innenseite des Gemäuers sind die Balkenlöcher und -Schlitze von 5 Etagen zu erkennen. Diese Böden wurden vermutlich als Speicherplätze für diverse Nahrungsvorräte in Not- und Verteidigungssituationen genutzt. Die massive vollsteinige Bauweise mit den zur Außenwand hin verengten Schlitzfenster in den etwa 1,10 m starken Mauern in Verbindung mit dem ca. 6 m breiten Wehrgraben lassen den Schluss zu, dass die gesamte Anlage ursprünglich nicht kirchlichen Veranstaltungen, sondern vorwiegend als Festung (Turmburg) und Zufluchtstätte gedient hat. Friwohle ist damit eine der seltenen Wehrkirchenanlagen der Region.

Erhaltungszustand
Friwohler Kirche

Trotz des relativ guten Erhaltungszustandes drohten den Mauern mehr und mehr der Zerfall; denn diverse Pflanzenwurzeln lockerten und sprengten immer wieder einzelne Steine heraus.

1990 wurde die Turmruine deswegen von einer Spezialfirma unter Oberaufsicht des Staatshochbauamtes Northeim und Archäologen restauriert. Im Zuge dieser Arbeiten wurde auch die Herkunft der für den Bau verwendeten Steine untersucht. Durch extremen Dünnschliff konnte die Gesteinsstruktur ermittelt werden. Dabei wurde nachgewiesen, dass die Mauersteine aus einem Steinbruch nahe bei Hettensen stammen.

Von dem vermutlich nachträglich nach Osten angebauten Kirchenschiff ist lediglich ein deutlich erkennbarer Schutthügel verblieben.

Aus den Landschafts- und Geländeverhältnissen lässt sich schließen, dass die Bewohner von Friwohle ihren Lebensunterhalt in erster Linie durch viehwirtschaftlich ausgerichtete Landwirtschaft bestritten haben, d. h. mit Waldweide (Hutewald bzw. Mastwald). Der relativ flachgründige Boden mit Buntsandstein als Grundgestein erlaubte nur einen spärlichen Ackerbau. In unmittelbarer Nähe sind aber Relikte sowohl von Wölbäckern als auch von Terrassenäckern erkennbar.

Unter Einbeziehung der Auswertung mittelalterlicher Keramikfunde sowie direkter bzw. indirekter Hinweise in den historischen Dokumenten ist der Beginn der Aufgabe der Ortschaft Friwohle etwa ab 1360 anzunehmen.

Wüstungsepoche
Archivalischen Belege
Friwohler Kirche

Da für Friwohle keine archivalischen Belege bekannt sind, die erklären, wann und warum der Ort wieder aufgegeben wurde, sind es vermutlich Gründe, die für die spätmittelalterliche Wüstungsepoche im allgemeinen gelten: Hauptursache ist ein dramatischer Bevölkerungsrückgang im 14. Jahrhundert durch Krankheit und Tod als Folge von Hungersnöten nach mehreren aufeinander folgenden klimabedinten Missernten (1309/1318) sowie die Beulenpest, die seit 1348 mehr als ein Drittel der Bewohner das Leben kostete. Kriege und Fehden haben dagegen nur in Einzelfällen eine bedeutende Rolle gespielt. Auch die gleichzeitige Gründung von Städten hatte eine Sogwirkung auf die Bewohner der Dörfer („Landflucht"); denn es wurde mit der Ablösung der Leibeigenschaft gelockt, wenn man nachweislich mindestens ein Jahr in der Stadt gelebt hat. („Stadtluft macht frei").

Der Bevölkerungsschwund betraf mehr oder weniger das Schicksal aller Siedlungen. Auf Veranlassung der für die Dörfer jeweils zuständigen Landesherren bzw. Klöster musste die Restbevölkerung v. a. der weniger ertragreichen Orte - meist in abseitiger und topografisch hoher Lage - ihre Gebäude verlassen, um freigewordene Hofstellen in günstiger gelegenen Dörfern mit besseren Lebens- und Erwerbsbedingungen zu beziehen. Infolge der damaligen Klimaverschlechterung waren in der hiesigen Region v. a. die Orte betroffen, die höher als ca. 200 m üb. NN gelegen waren. Friwohle liegt etwa 300 m üb. NN.

Man kann davon ausgehen, dass dieser als „Ballung" bezeichnete Konzentrationsvorgang auch für die restlichen Einwohner von Friwohle zum Wegzug geführt hat. Als Zielort ist - dem Verlauf der Schwülme folgend - Hettensen anzunehmen. Hettensen ist sehr wahrscheinlich auch das Dorf, aus dem die ersten Siedler von Friwohle stammten. Das wüstgefallene Dorf Friwohle einschließlich der Ackerflur wurde durch natürliche Sukzession großen Teils vom Wald „zurückerobert" bzw. später teilweise als Grünland (von Hettensen aus) bewirtschaftet

HELMUT RANG - 1973 - 2006 REVIERLEITER IN DER REVIERFÖRSTEREI GOSEPLACK

Friwohler Kirche - Aufzeichnung Karl Brümer
Lage
Friwohler Kirche

Zwischen Offensen und Hettensen stößt der Spaziergänger im tiefsten Waldesdom auf die Reste einer alten Wehrkirche.

Hier und dort deuten versunkene Gräben und verwitterte Feldsteine an, daß vor vielen hundert Jahren hier im Sollingwald ein Dörflein gestanden hat, namens Friwohle, das aber in der mittelalterlichen Zeit, als immer wieder mordende und sengende Banden durchs deutsche Land zogen, dem Untergange geweiht worden ist.

Urkundlich ist über den Wüstenort und die Kirche wenig zu finden.

Sudendorf schreibt im "Urkundenbuch, Braunschweig - Lüneburg", I.Band, Seite 173 u. II. Band, Seite 250 : "Villa Vredewolt, also das Dorf Vredewolt, erscheint im Lehnbueh des Herzogs Otto von Braunschweig am 22. September 1318. Am 18. Oktober 1354 ersuchen die von Rostorf Ernst den Jüngeren von Braunschweig, zu der Verpfändung des Dorfes Fredewolde mit dem "dat dar to horet" an die von Adelebsen seine Bewilligung zu erteilen."

Nach 1354 wird Friwohle urkundlich nicht mehr erwähnt.

Es wird im 14. Jahrhundert wüste geworden und seine Feldmark mit Holz bewachsen sein.

Seine Holz- und Lehmhäuser sind verschwunden, seine Steinkirche steht als Ruine noch heute.

Die Bewohner Friwohles werden sich in den benachbarten Orten angesiedelt haben. (Nach Wolf, Johann, Commentatio de Archidiaconatu Nortunensi, Seite 70, §11.)